Sieh um Dich 1987/88

SIEH UM DICH

Mit dem Projekt SIEH UM DICH wird die Verbindung von Tier und Maschine zu einem schonungslosen Spiegel der gesellschaftlichen Realität. Die hybriden Plastiken – Stierkörper, Schweine- und Pferdefiguren, teils verschmolzen mit technischen Bauteilen – entziehen sich jeder harmonischen Lesart. Sie wirken verstörend, grotesk, bisweilen barbarisch. Gerade in dieser Ästhetik des Schreckens liegt ihre Wahrheit: Sie legen offen, was im industriellen Alltag der Fleischproduktion systematisch verdrängt wird.

Während dem Betrachter die Hybridwesen zunächst als künstlich überzeichnete Zumutung erscheinen, verweist die künstlerische Argumentation auf eine paradox-unangenehme Einsicht: Die Praxis der modernen Fleischindustrie ist in ihrer Grausamkeit ungleich radikaler als jede künstlerische Darstellung. Maschinen, die töten, rationalisierte Schlachtprozesse und die alltägliche Instrumentalisierung von Tieren – all dies findet statt, während die Bilder des Leids systematisch aus dem öffentlichen Blick entfernt werden.

Die Skulpturen bewegen sich daher in einer paradoxen Zone: Sie sind nicht bloß provokante Fiktion, sondern ein Reflex auf eine Realität, die unsichtbar bleibt. Das „ästhetisch Barbarische“ verweist auf ein real Barbarisches, das durch ökonomische Logik legitimiert und durch visuelle Verdrängung stabilisiert wird.

In autobiografischer Dimension verbindet das Projekt Kindheitserinnerungen an die Selbstverständlichkeit des Schlachtens mit einer Analyse der industrialisierten Gegenwart. Zwischen Notwendigkeit, Tradition und ökonomischer Maschinerie entfaltet sich ein Spannungsfeld, das die Widersprüchlichkeit der Mensch-Tier-Beziehung sichtbar macht: Hier der „beste Freund“ Hund, dort die „Nutztiere“, die systematisch entwürdigt werden.

SIEH UM DICH konfrontiert damit eine verdrängte Wahrheit: dass die kulturelle Bindung an Tiere von radikaler Ambivalenz geprägt ist – geprägt von Zuneigung und Brutalität, Fürsorge und Ausbeutung, Nähe und instrumenteller Distanz.

Dr. Pelle Solus

SIEH UM DICH: Objekte im Kontext von Mensch, Tier und Maschine

  • OUROBURUS ODER
    EIN BEITRAG ZUM
    RAUM-ZEITKONTINUUM
     
    2007
    manuell-kinetisch, diverse Materialien
    Durchmesser ca. 140 cm
     
     
     Der in sich geschlossene Schlangenkreis – das uralte Symbol des Ouroboros – verweist auf den ewigen Zyklus von Werden und Vergehen, auf die Rückkehr des Anfangs im Ende. Die Schlange, die sich selbst verschlingt, wird hier zur Metapher für das Zeitkontinuum: unendlich, geschlossen, ohne Ursprung und ohne Ziel. Im Zentrum des Kreises erscheint eine Art Zeitzeiger, der die Bewegung innerhalb des ewigen Rings markiert. Anders als klassische Uhren, die lineare Zeit abbilden, deutet diese Skulptur die Zeit als pulsierendes Kreisen, als Wiederkehr, als ewige Gegenwart. Der manuelle Antrieb verstärkt diese Dimension: Die Bewegung ist nicht automatisch, sondern angewiesen auf menschliche Geste – als ob die zyklische Ordnung des Kosmos immer wieder durch das Handeln des Menschen aktiviert werden müsste. Philosophisch lässt sich darin ein Kommentar zur Moderne erkennen: Wo die technologische Rationalität linearen Fortschritt behauptet, erinnert das Werk an das archaische Wissen zyklischer Zeit. Es hält den Widerspruch zwischen Fortschrittsnarrativ und kosmischer Wiederholung in der Schwebe.